Berichte von Franziska Faltin (2002/2003)
1. Quartalsbericht
Ich besuche die Highschool, sie dauert 3 Jahre und ich bin in der Stufe
2. Der normale Tagesablauf eines Schülers in Japan wird ausschließlich
von der Schule bestimmt. Der Unterricht beginnt um 8.40 Uhr, aber um
8.35 müssen die Schüler im Gebäude sein, diejenigen, die danach kommen,
werden von Lehrern, die im Eingang stehen, aufgeschrieben. Es wird sehr
viel Disziplin erwartet. Eine Schulstunde dauert 50 min, dann sind 10
min Pause. Nach 4 Stunden Unterricht haben wir 65 Minuten Zeit für die
Mittagspause, und die Schüler essen "O-bento": kalter Reis und
Beilagen, z.B. Fisch, Gemüse, japanisches Omelette ... Dieses
Mittagessen richten meistens die Mütter her. Danach ist nochmals
Unterricht bis 15.30 Uhr. Anschließend wird die Schule gereinigt, und
zwar von den Schülern! Jede Klasse ist in Gruppen von ca. 6 Leuten
eingeteilt, und jede Gruppe putzt wöchentlich einen anderen Bereich.
Zwei oder drei Mal im Jahr ist "Großputz", da werden auch die Fenster
gereinigt und einmal im Jahr die Holzböden in den Klassenräumen
gewachst.
Was die Wahl der Fächer betrifft, können die Schüler
zwischen zwei Zweigen wählen: entweder den naturwissenschaftlichen:
Chemie, Physik, Biologie (oder Geographie) und ein schwierigerer
Mathematikkurs; oder den sprachlich-geschichtlichen Zweig. Dann hat man
Weltgeschichte, Japanische Geschichte, zusätzlichen
Landessprachenunterricht, Biologie und einen nicht so schwierigen
Mathematikkurs. Die Fächer, die alle besuchen, sind Englisch, Englisch
schreiben, Japanisch, Japanisch schreiben (Kanji), Kochunterricht,
Sport, "Health and Physical Education" (nur theoretisch).Ich besuche
folgende Fächer: Englisch und Englisch schreiben, Geographie, Chemie
und auch den Kochunterricht, aber der ist jetzt leider nur noch
theoretisch, und das Verstehen ist deshalb viel schwieriger geworden.
Eine Stunde pro Tag erhalte ich sogar speziellen Japanischunterricht,
von mehreren verschiedenen Englischlehrern, das ist sehr hilfreich für
mich.Nach dem offiziellen Unterricht gehen die meisten Schüler in einen
der vielen Schulclubs. Die dauern bis zum Abend, so dass man meistens
erst gegen 7 oder 8 Uhr zu Hause ist. Viele Sportclubs trainieren schon
morgens vor dem Unterricht, ab 8 Uhr oder noch früher. Die Schüler
nehmen ihre Clubs sehr ernst und außerhalb der Schule gibt es auch
praktisch keine Aktivitäten, wie in Deutschland, wo ja die Vereine mit
der Schule nichts zu tun haben. Ich bin im Japanischen
Teezeremonieclub, da ich dadurch einen wesentlichen Einblick in die
Kultur Japans bekomme, sowie im ESSCLub (English Speaking Society,
hierzu wurde ich eingeladen), und im Interact Club, dieser wird von
meinem Rotary Club finanziell unterstützt. Seit zwei Wochen bin ich
außerdem noch im Judoclub. Gerne würde ich noch in den Kalligraphieclub
gehen, aber bis jetzt war es mir noch nicht möglich. Auch in meiner
Schule gibt es, wie in allen japanischen Highschools, die Pflicht, eine
Schuluniform zu tragen. Für die Jungen sind das schlichte schwarze
Hosen mit einem weißen Hemd, im Winter kommt ein spezieller schwarzer
Blazer dazu. Wir Mädchen haben einen dunkelblauen Faltenrock, der bis
unter die Knie reicht. Am Rock sind zwei ca. 10 cm breite blaue
Streifen befestigt, die ein bisschen wie Hosenträger aussehen. Dazu im
Sommer ein kurzärmeliges Hemd, weiß mit einem Blaustich, im Winter
langärmlig und einen dunkelblauen Blazer, und immer lange dunkelblaue
oder weiße Socken bis unter die Knie. Anfangs mochte ich die Uniform
nicht, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und finde sie sogar
ganz praktisch, weil man sich nicht jeden Morgen Gedanken über die
Kleidung machen muss.
Außerhalb der Schule gehe ich jeden Freitag ins Internationale Zentrum,
denn da gibt es auch Japanischunterricht. Man kann da einfach hingehen,
es kostet nichts und es macht Spaß, denn neben der Sprache lernt man
viele interessante Leute kennen. Viele "gaikokujins" (Nicht-Japaner)
sind Englischlehrer, denn es gibt seit einiger Zeit ein Programm in
Japan, das englischsprachige Studenten mit entsprechendem Studiengang
nach Japan einlädt, um an Junior- und Seniorhighschools zu
unterrichten. An meiner Schule ist auch so ein Lehrer, ein Ire.
Japanisch ist eine sehr schwere Sprache, besonders weil man sich ja von
anderen Sprachen nichts ableiten kann und auch nicht einfach mal etwas
"aufschnappen" kann. Je nachdem, mit wem und worüber ich mich
unterhalte, verstehe ich mittlerweile 40-80%. Ich lerne jeden Tag in
meinen Freistunden freiwillig Kanjis (chinesische Schriftzeichen.
Japanisch wird mit drei Schriftsystemen geschrieben: Zunächst ist das
Hiragana, ein Silbenalphabet mit ca. 50 Zeichen, damit kann man so gut
wie alles schreiben. Danach Katakana, damit werden Wörter aus anderen
Sprachen (z.B. Computer) und ausländische Namen geschrieben. Dann gibt
es die Kanji, die chinesischen Schriftzeichen, mit denen üblicherweise
der größte Teil eines Textes geschrieben wird. Sie werden für
Substantive, Teile von Verben und Teile von Adjektiven verwendet. Um
die Zeitung lesen zu können, muss man knapp 2000 Kanji beherrschen. Als
ich nach Japan gekommen bin, konnte ich davon ca.15-20, inzwischen sind
es über 150. Ich habe vor, die erste der 4 Japanischprüfungen, die es
für Ausländer gibt, bald zu machen. Das ist jedoch sehr schwer und ich
habe noch viel zu lernen.
Nun zu meinen Gastfamilien. Es ist geplant, dass ich in 6 Gastfamilien
kommen werde. Meine ersten Gasteltern konnten recht gut Englisch, das
war vor allem am Anfang sehr hilfreich für mich. Ich war dort 3 Monate,
genauso lange werde ich auch bei meiner jetzigen Gastfamilie bleiben.
Hier spricht keiner Englisch, aber ich finde das gut, weil ich jetzt
schon einen gewissen Grundstock im Japanischen habe und so nicht
einfach auf Englisch ausweichen kann. Ich wohne jetzt in einem
Buddhistentempel, meine Gasteltern sind beide Priester. Die
Gastgeschwister leben nicht mehr zu Hause. Mir gefällt es in dieser
Familie sehr gut und ich bin sicher, dass ich hier sehr viel über die
japanische Kultur und den Buddhismus lernen kann. Meine Gastmutter ist
eine sehr warmherzige Frau und sorgt sich sehr um mich. Mein Gastvater
versucht oft, mit mir buddhistisch philosophische Gespräche zu führen,
schade, aber dazu kann ich leider noch nicht genug Japanisch!
Um mehr von Japan kennen zu lernen, als meine Stadt, konnte ich schon
mehrere unterschiedliche Reisen unternehmen. Bei der ersten war ich mit
Rotary zum Fuji-san beim Bergsteigen. Wir waren sogar auf dem Gipfel,
dem höchsten Punkt Japans. Dazu benötigten wir 2 Tage und es war sehr
erlebnisreich. Meine nächste Reise, ein viertägiger Schulausflug im
Oktober, führte nach Kyushu, eine der südlichen Hauptinseln. Wir haben
dort Nagasaki besucht, das Atombomben-mahnmal ist ein Muss für jeden
Schüler, außerdem einen aktiven Vulkan, und unter anderem auch eine
alte japanische Burg. Das war sehr interessant. Im November waren wir
für 4 Tage mit Rotary an den kulturell und geschichtlich wichtigsten
Orten unserer Insel (Honshu): Kyoto, Nara, Hiroshima. Tokio ist von
hier (Kofu) ca. 2 Stunden entfernt. Ich war schon zweimal mit meiner 2.
Gastmutter dort. Kofu, die Stadt in der ich wohne, ist verglichen zu
Tokio sehr, sehr ländlich, in jeder Hinsicht. Kofu hat ca. 180.000
Einwohner, das ist für japanische Verhältnisse aber sehr klein. In
unserem Distrikt (2620) haben wir dieses Jahr kein Glück mit den
Austauschschülern. Ein Mädchen aus den USA musste Mitte Nov. zurück,
weil sie eine ernste Krankheit hat und operiert werden musste. Ein
anderes Mädchen aus den USA hat Japan "so schrecklich" gefunden, das
sie wieder zurück in die USA gegangen ist. Mitte Dezember hatte ein
Mädchen aus Brasilien einen Unfall, sie hat sich das Schlüsselbein
gebrochen. Inzwischen ist sie auch wieder in Brasilien.Das Mädchen aus
Neuseeland ist Ende Dezember wieder zurück, weil ihr Austausch vorbei
war.Mitte Januar sind dann die neuen Austauschschüler gekommen, zwei
Jungs aus Australien.
Weihnachtsmäßig war in meiner Gastfamilie gar nichts. Ich habe es aber
nicht so schlimm gefunden, denn es gehört schließlich nicht zur
japanischen Kultur. Dafür hat mir aber japanisches Neujahr sehr gut
gefallen. Über Mitternacht war ich im Buddhistischen Gottesdienst im
Tempel meiner Gastfamilie. Danach haben wir mit den Leuten im Tempel
mit Sake auf das Neue Jahr angestoßen. Der eigentliche Festtag ist am
1. Januar. Man sitzt mit der Familie zusammen und isst ein sehr
besonderes Essen, für das viele Japaner ein Vermögen ausgeben. Die
Kinder bekommen für das Neue Jahr "Otoshidama" (Geld) von den Eltern
und den älteren Geschwistern.Ich habe an diesem Tag einen Kimono
getragen. Das war eine sehr interessante Erfahrung: ich kann ihn allein
gar nicht anziehen, und das Anziehen dauert über eine halbe Stunde. Das
Besondere am Kimono ist die Obi (der Gürtel). Er ist sehr groß und hält
den ganzen Kimono zusammen. Er ist die Schwierigkeit beim Anziehen
eines Kimonos, denn er besteht aus vielen Lagen, die letzte wird sehr
kunstvoll auf dem Rücken verknotet und dekoriert. Zum Kimono müssen die
Haare auch auf eine bestimmte Art getragen werden: hochgesteckt, so
dass man den weißen Nacken sehen kann, denn beim Kimono wird nicht der
vordere Ausschnitt als schön angesehen, sondern der auf dem Rücken. Ich
hatte den Kimono den Tag an, was sehr anstrengend war, denn die Obi ist
sehr eng und man kann nur sehr gerade sitzen, um beim Sitzen fast nur
kniend. Es hat mir aber sehr gut gefallen, weil es einfach toll
ausgesehen hat!
Letzte Woche Mittwoch bis Samstag war ich auf meiner letzten
Rotaryreise. Wir sind nach Niigata-ken (die Präfektur, in der auch der
Sebastian Beer ist) um Ski zu fahren. Mit uns ist eine Amerikanische
Schule aus Tokio dort hingefahren. Das Skifahren hat sehr viel Spaß
gemacht, bloß am Anfang war es ein bisschen schwierig, weil ich drei
Jahre lang nicht mehr gefahren bin. Ich habe dort auch zum ersten Mal
Snowboard ausprobiert, was ich aber schnell wieder aufgegeben habe.
Ich bin jetzt schon 6 Monate hier, und die Zeit vergeht mir viel zu
schnell, vor allem bei der Vorstellung, in 5 Monaten schon wieder nach
Hause zu müssen. Mir gefällt es gut in Japan, wobei ich es oft schade
finde, dass ich mit meinen japanischen Klassenkameraden nicht so viel
unternehmen kann. Jedes Mal wenn ich frage, ob sie Zeit haben, müssen
sie für die Schule lernen oder haben einen Schulclub, auch an den
Wochenenden. Deswegen sind die Freunde, mit denen ich etwas unternehme,
Schüler aus der Stufe über mir.
Nihon no seikatsu wa hontou ni tanoshiku narimashita node kaeritakunai desu!
Nihon kara yoroshiku!
|