Berichte von Pawel Majenka (2005/2006 - RC Saga, D-2740)
1. Quartalsbericht vom 25.10.2005
Genau zwei Monate bin ich jetzt schon in Saga-shi (Hauptstadt der
Präfektur Saga) ganz im Süden von Japan. Seit ich hier aus dem Flugzeug
gestiegen bin, befinde ich mich in einer völlig neuen Welt, in der so
vieles anders ist, und ich gar nicht weiß, ob ich fähig bin, mit nur
ein paar Worten das Interessanteste zu berichten.
Vom Flughafen
in Fukuoka ging es etwa eine Stunde mit dem Auto nach Saga, nicht allzu
weit von Nagasaki entfernt, und ich wurde herzlich von meiner Familie
aufgenommen.
Mittlerweile habe ich schon gewechselt. In meinen ersten beiden
Familien, die ich bisher hatte, wohnte bzw. wohne ich zusammen mit
recht jungen Eltern und drei kleinen Kindern. Zwei Wochen verbrachte
ich im Haus meines Counsellors, denn der in Tokio wohnende Opa meiner
ersten Gastfamilie starb, weshalb alle wegen der Beerdigung dorthin
flogen und ich wechselte.
Zurzeit lebe ich bei Familie Matsuo. Meine drei Brüder heißen Yuki (9),
Ibu (6) und Reo (4). Der Vater (Otousan) ist meist den ganzen Tag in
der Arbeit und kehrt erst spät abends zurück. Die Mutter (Okaasan)
macht in der kleineren Wohnung größtenteils selbst die Hausarbeit und
auch, als ich meine Hilfe bei verschiedenen Dingen anbot, blieb es
dabei. Die Kinder sind ganz aufgeschlossen und spielen mit mir,
verbringen aber die meiste Zeit mit viel Lernen und Hausaufgaben. Ich
fühle mich in der Familie super wohl und sie unternehmen viel mit mir,
obwohl es nicht viel gemeinsame Zeit gibt, denn alle kehren erst spät
von der Schule oder Arbeit nach Hause zurück.
In unserer Wohnung im 8.Stock ist alles recht europäisch eingerichtet,
es gibt aber einen Bereich, der traditionell mit Tatamiboden ausgelegt
ist. Nachts schlafe ich auf einem dünnen Futon auf dem Boden. Es wird
sehr überall auf Sauberkeit geachtet, zum Beispiel wechselt man ständig
die Schuhe: Es gibt einen kleinen Eingangsbereich für Straßenschuhe,
dann Latschen für Balkon und sogar spezielle Latschen für die Toilette.
Tatamimatten betritt man immer barfuss.
Das Essen ist wunderbar. Ich liebe bis auf kleine Ausnahmen wirklich
alles. Morgens essen wir meistens Brot und Ei. Ei wird sehr viel
gegessen, eigentlich gibt es Ei zu jeder Mahlzeit. Das Abendessen ist
meist in kleinen Schalen Reis (es gab keinen Tag, an dem ich nicht Reis
gegessen habe) mit Fisch und Gemüse oder anderen kleinen Beilagen,
sowie manchmal eine Miso-Suppe. Bei den meisten Nudelgerichten schlürft
man (man sollte es tun) und es ist immer wieder lustig, wenn die ganze
Familie am Tisch schlürfend ihre Suppe verzehrt. Ich merke gar nicht
mehr, dass ich täglich mit Stäbchen esse…
In Saga gibt es nicht viele Ausländer. Wenn ich durch die Stadt gehe,
werde ich von vielen Leuten angestarrt. Das kann manchmal nervig
werden, aber ich nehme alles gelassen auf und es stört mich kaum mehr.
Ich gehe auf das so genannte "Koukou", eine Art Senior Highschool, und
bin in der Stufe 1/3. Jede Stufe hat an meiner Schule ungefähr 10
Klassen mit ca. 30 Schülern.
An meinem ersten Schultag zitterte ich als ich mich den Lehrern und
einer riesigen Menge von Schülern mit ein paar Sätzen auf Japanisch
vorstellte. Vor einiger Zeit war meine Schule eine Mädchenschule,
deswegen gibt es hier nicht so viele Jungen. Ich wurde sehr nett von
meinen Mitschülern empfangen und hatte kein Problem mich einzuleben.
In der Schule hat man weniger "Freiheiten". Ich trage von Schuluniform
über Schuhe, Sportsachen und Socken alles von der Schule – jeder
Schüler trägt dasselbe. Es gibt viel mehr strengere Regeln, vor allem
was die Erscheinung angeht.
Während des Unterrichts sind die Schüler ziemlich müde und verhalten
sich ruhig, manchmal schlafen sie auch, während der Lehrer vorne steht
und redet, einfach ein (in den Pausen passiert das immer wieder). Man
bekommt viele Blätter ausgeteilt, meine Klassenkameraden schreiben
täglich Tests, haben viel Unterricht an einem Tag und eine Masse an
Hausaufgaben und Dingen zum Lernen.
Die Schule dauert von 8:40 bis ca. 16:30, außer man hat wie meine
Klassenkameraden die "nullte Stunde", dann fängt der Unterricht schon
um 7:40 an. Morgens im Klassenraum warten die Schüler gegen 8:30 auf
den Klassenlehrer. Nach ein paar Minuten Schweigen mit geschlossenen
Augen und einer Verbeugung vor dem Lehrer („Ohayou gozaimasu!“, Guten
Morgen) werden wichtige Infos geklärt bzw. Tests ausgeteilt, und dann
nach einer wiederholten Verbeugung („Arigatou gozaimasu!“, Danke sehr)
fängt der Unterricht in den jeweiligen Fächern an. Verbeugungen gehören
in Japan täglich in hundertfacher Ausführung dazu.
Ich habe täglich ein bis zwei Stunden gemeinsam mit meinen
Klassenkameraden, zwei Mal die Woche "Shodo" (japanische Kalligraphie)
und verbringe die meiste Zeit in der Bibliothek um dort selbst zu
lernen. Eine Englischlehrerin bringt mir dort täglich 2-3 Stunden
Japanisch bei. Um 12:45 beginnt die Mittagspause (eine halbe Stunde für
Essen) und die Schüler essen entweder in der Kantine oder im
Klassenraum bei etwas Musik aus den Lautsprechern ihr mitgebrachtes
"O-bentou" (Lunchpaket). Meistens ist das von der Mutter zubereiteter
Reis mit Dingen wie Fisch, Fleischbällchen, Omelette, Gemüse und Obst
in kleinen Portionen. Kaum hat man gegessen, geht es direkt weiter mit
Putzen. Die ganze Schule wird von den Schülern geputzt; die Tische und
Stühle in eine Seite des Raums schieben, fegen, kehren, wieder
zurückschieben, die Fenster und Tafel putzen usw. Nach weiteren zwei
Unterrichtsstunden (die letzte dauert 80 Minuten) und ein paar Minuten
im Klassenraum wie Morgens (letzte Verbeugung) ist die Schule meist zu
Ende. Aber es ist keine Ausnahme, wenn Schüler länger bleiben müssen,
da sie z.B. noch Tests schreiben.
Nach der Schule gibt es die Schulklubs. Man kann an unserer Schule
Kendo, Basketball, Softtennis, Handball, Kyudo (japanisches
Bogenschiessen), Fußball, Teezeremonie, Shodo und noch einige andere
Dinge machen. Vor allem viele der Sportklubs sind täglich (!) und das
nach einem langen Tag in der Schule, bis abends gegen ca.6:30. Die
Schüler sind wegen dem vielen Trainieren auch entsprechend gut in der
jeweiligen Sportart, und viele opfern für die Klubs ihre gesamte
Freizeit.
Wir hatten ein sehr schönes Fest in der Schule. Zwei Tage lang gab es
Auftritte von allen Schülern in der Turnhalle, Singen, Tanzen, lustige
Sketche oder Vorführungen und einen Tag Sportfest. Ich bewundere die
Bereitschaft und Zusammenarbeit der Schüler. Sie haben für Tänze
täglich geübt, sind in den Ferien zur Schule gekommen, um dort Kostüme
zu nähen und haben es geschafft, dass das Fest ein Erfolg wurde, und
für mich ein unvergessliches Erlebnis.
Über die Menschen hier kann man sehr vieles sagen, wesentlich ist
vielleicht: Mit Höflichkeit erreicht man sehr viel. Ich finde die
meisten sehr hilfsbereit. Die Hilfe, die manche bereit sind, zu leisten
und die Geduld, die viele haben, bewundere ich. Ich hatte Glück, weil
sich ein Schüler aus meiner Schule bei mir gemeldet hat, der selbst für
einen Austausch in Amerika war und durch ihn habe ich Freunde kennen
gelernt, mit denen ich viel unternehme. Mit einigen Freunden treffe ich
mich jedoch überhaupt nicht, da es immer wieder wegen Klubs oder
unendlich viel zu Lernen an Zeit fehlt.
Die Sprache hat mir am Anfang, obwohl ich zuvor ein Jahr Japanisch
gelernt hatte, einige Probleme bereitet, denn meine Familie sprach kein
Englisch und es war ziemlich schwierig sich zu unterhalten. Mich störte
es, dass ich nicht richtig meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen
konnte und mit Freunden zu sprechen war ohne ein Wörterbuch nicht
möglich. Aber ich habe das Glück, dass sich eine Englischlehrerin
täglich mit mir zusammensetzt und mir Japanisch beibringt. Auch ich
habe mir in den Kopf gesetzt, dass das Wichtigste am Anfang das
Japanischlernen ist und ich habe schon in den zwei Monaten, in denen
ich hier bin, mit dieser völlig anderen Sprache und auch mit der
Schrift so große und schnelle Erfolge erzielt, dass ich es selbst kaum
glaube. Man spricht außerdem komplett anders mit Lehrern als mit
Freunden oder Familie. Ich finde Japanisch ist eine wahnsinnig
interessante Sprache, denn Grammatik und Wörter sind komplett anders
als Deutsch oder Englisch und es macht Spaß, das Gelernte anzuwenden.
Die Japaner sprechen bis auf Ausnahmen kein Englisch. Auch wenn man
sich nicht darauf verlassen sollte, hier viel Englisch zu sprechen,
findet man womöglich doch immer ein paar nette Leute, die Englisch
können.
Jede Woche besuche ich den Rotaryclub. In der Stadt gibt es mehrere
Clubs, meiner ist der "Saga-Rotaryclub" und mein Distrikt ist
"Nagasaki/Saga D2740". Der Club hat etwas mehr Mitglieder als mein
deutscher Sponsorklub. Zu Anfang eines Rotarymeetings wird das
japanische Rotarylied (manchmal auch die Nationalhymne) gesungen.
Danach gibt es ein kleines "Relaxen", bei dem alle aufstehen und kleine
Gymnastikübungen machen. Der Klub unterstützt mich in materieller
Hinsicht, aber mir werden viele Grenzen gesetzt und ich habe strenge
Regeln, die mir einiges etwas erschweren. Leider wurde mir von Anfang
an zu wenig Vertrauen gezeigt und es gibt schnell Einwände, z.B. wenn
ich bei Freunden übernachten möchte. Ich zeige von meiner Seite jedoch
viel Bereitschaft und gebe mir bei allem Mühe, beispielsweise Reden im
Klub auf Japanisch zu halten.
In meiner Freizeit fahre ich oft mit Freunden mit dem Fahrrad durch die
Stadt an verschiedene Orte. Wir gehen oftmals essen, in Shopping-Center
(ganz beliebt sind Game-center und Purikura), oder vor allem zum
Karaoke! Karaoke ist eines der tollsten Dinge, die man in seiner
Freizeit machen kann, es macht wahnsinnig viel Spaß!! Ich übe das Lesen
einfacher, japanischer Manga. Ich habe auch schon viele traditionelle
Dinge ausprobiert, wie etwa Teezeremonie. Ich habe eine Rotarytour für
zwei Tage nach Nagasaki hinter mir, habe vieles gesehen und hatte mit
den anderen acht Inbounds in unserem Distrikt eine wahnsinnig tolle
Zeit. Die Inbounds habe ich bisher nur einmal privat in einer Stadt in
der Nähe getroffen, denn sie wohnen alle leider ziemlich weit weg. Ein
Junge aus Brasilien wohnt mit mir in Saga und wir unternehmen oft Dinge
gemeinsam. Mit den japanischen Freunden habe ich, wenn wir uns treffen,
sehr viel Spaß und wir lachen immer viel, auch wenn es oft noch mit der
Verständigung Probleme gibt. Ab und zu unternehmen wir in der Familie
Reisen zu anderen Städten, zum Meer und zu Tempeln. Heimweh habe ich
keines, obwohl ich alle, die weit weg sind, sehr vermisse. Ich erlebe
sehr viel und schätze meine Freunde hier sehr, denn es ist noch besser,
wenn man die schönen Momente mit anderen teilen kann.
Ich bin sehr glücklich, dass ich mich für Japan entschieden habe,
genieße die Zeit und bin von Herzen dankbar, dass ich hier sein kann,
denn es ist ein faszinierendes Land, in dem es Tag für Tag
interessante, neue Dinge zu erleben gibt.
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